Alle Artikel mit dem Schlagwort: Kiezgedächtnis

Mit dem Wohlstand kam der Neid…

Von der Nachkriegszeit bis zur Pandemie: Hans Babkuhl (87) erinnert sich, wie der Zusammenhalt im Kiez immer dann stark war, wenn es darauf ankam. – Hans Babkuhl In schwierigen Zeiten halten die Menschen oft besser zusammen. Wenn es ihnen aber gut geht, scheint dieser Zusammenhalt schnell wieder zu bröckeln. Wenn ich an die Zeit während des Nationalsozialismus denke, fällt mir vor allem mein Vater ein. Er war überzeugter Sozialdemokrat und aktiver Gewerkschafter, außerdem Vorsitzender eines Sportvereins. Heute würde man sagen: Er war gut vernetzt. Die Arbeitersportbewegung wurde von den Nazis verboten, aber die alten Kumpel hielten trotzdem zusammen. Ich weiß, dass mein Vater mit anderen Menschen geholfen hat, die dem Regime nicht genehm waren – sie wurden über verschiedene Kanäle außer Landes gebracht. Ich erinnere mich an einen Nachbarn im Haus, der nicht in die „Ahnengalerie“ passte, wie man damals sagte – plötzlich war er weg. Kurz darauf stand in unserer Wohnung ein großes Radio, das ich als Kind immer bewundert hatte. Damit konnte man alle Sender empfangen, sogar Radio London, dessen Hören unter Todesstrafe …

„Inhalt sehr gut, der Schrift wegen mangelhaft“

Unser Kiezgedächtnis, Hans und Reni Babkuhl, berichten für die Kiezzeitung Donauwelle aus ihrer Schulzeit. Ich (Hans) wurde 1942 eingeschult und das war zur Zeit des Krieges und der Bombenangriffe. Infolge der Bombardierungen wurden wir nach Ostpreußen aufs Land evakuiert, dort gingen wir zur Schule, aber das war ganz anders. In Berlin schrieben wir schon vom erster Tag mit Feder und Tinte. Die Hefte sahen ja auch danach aus. Wir lernten zuerst die Sütwerlein Schrift. Und auf dem Land in Ostpreußen die Lateinische Schrift so wie wir sie heute noch schreiben. Das Problem war nur, hier mußten wir auf Schiefertafeln schreiben und die Dorfjugend fing die Berliner ab und löschten mit dem Lappen die Hausaufgaben, und schon gab es wieder etwas auf den Hosenboden. Ich hatte immer eine dicke Zeitung in der Hose, damit war alles zu ertragen. „Inhalt sehr gut, der Schrift wegen aber mangelhaft.“ Dann wurde eines Tages das Dorf von Partisanen überfallen und es kam eine große SS-Aktion. Einige junge Männer wurden gefangen genommen und lebendig an den Füßen an einem Baum aufgehängt… …